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Über die Grenze und zurück

Die Menschen in Europa rücken näher zusammen, Grenzen verlieren zunehmend ihren trennenden Charakter. Einen wesentlichen Faktor bilden dabei die Transportmittel, mit denen die jeweiligen Nachbarländer zu erreichen sind. Wir waren mit dem Nahverkehr der DB AG zwischen Deutschland und Polen unterwegs, begleitet von Lokführer Wolfgang Brosinski aus Pasewalk.

Plötzlich schlagen Schienenstöße ihren Takt, rundum graue, versteppte Tristesse, stillgelegte Industrieanlagen und verfallende Gebäude prägen das Bild entlang des Schienenweges – wir sind in Polen.

„Das war einmal eine bedeutende Zuckerfabrik“, erklärt uns Lokführer Brosinski die riesige Anlage mit den zugewucherten Gleisanschlüssen und Gittertoren. „Hier läuft nichts mehr“,


Seit vielen Jahren kennen sich Lokführer Brosinski (links) und der Aufsichtsbeamte Jaroslaw Siemaszko von der PKP. Unser Foto zeigt sie im Bahnhof Szczecin-Glowny.

Foto: Frank Hercher

sagt er, der die Strecke zwischen Pasewalk und Szczecin (Stettin) so gut kennt, wie kaum ein anderer Eisenbahner. Immerhin befährt er sie seit Beginn seiner Lokführerlaufbahn im Jahr 1977.

Besorgt sieht er in der heutigen Situation in Polen Parallelen zur Entwicklung in den neuen Bundesländern nach der Wende. Und seine polnischen Kolleginnen und Kollegen blicken ebenso sorgenvoll auf den Umbruch, hin zu Wettbewerb und Marktwirtschaft, der allein bei den Eisenbahnern auf einen Schlag rund 60.000 Arbeitsplätze kosten soll.

Wie aus einer anderen Welt taucht plötzlich der Güterbahnhof Szczecin-Gumience auf und hebt sich mit seiner modernen Anlage, die neben den alten Gleisen in die ehemaligen Weißkohlfelder placiert wurde, von all dem Einheitsgrau ab. Man sieht auf den ersten Blick, dass hier nicht „gekleckert“ sondern „geklotzt“ wurde. „Da ist wohl noch EU-Geld übrig gewesen“, sagt Kollege Brosinski und weist auf die Flächen zwischen den Güterzuggleisen hin, die feinstes Verbundpflaster zieren. Manch einem Personenbahnhof würde es Ehre machen auch nur ein Stückchen davon als Bahnsteigpflaster zu haben.

Den Verkehr zwischen Deutschland und Polen fährt ausschließlich die DB AG. Mit den Personenzügen geht’s von sechs bis 20 Uhr alle zwei Stunden direkt nach Szczecin-Glowny, während für die Güterzüge das moderne Szczecin-Gumience Ziel- und Ausgangspunkt ist.

Während der Fahrt zwischen Deutschland und Polen kontrollieren je zwei Grenzpolizisten aus beiden Ländern die Ausweise. „Das war bis Mai viel komplizierter“, erinnert sich Kollege Brosinski. Damals waren von jeder Seite auch immer noch zwei Zöllner dabei. Und zu Zeiten der DDR, als er für die ehemalige Reichsbahn gefahren ist, musste er einen Spezialausweis haben, der ihn berechtigte, die Grenze zu passieren.

Mit den Signalen auf dem polnischen Teil haben die deutschen Lokführer keine Probleme. Sie sind vergleichbar mit denen, die es auch bei der DB AG gibt. „Ein großer Unterschied zu Fahrten in Deutschland besteht jedoch in der Achtlosigkeit vieler Polen“, berichtet uns der 53-jährige Kollege. Da schlendern Hund und Herrchen dort, wo es ihnen gerade gefällt arglos über die Gleise, strampeln Radfahrer über die vielen ungesicherten Überwege und andere Verkehrsteilnehmer scheren sich nur wenig um die herannahenden Züge. „Man muss auf der Strecke viel Lärm machen, damit man anschließend nicht mitschuldig ist, wenn mal was passieren sollte“, entschuldigt er das Hupkonzert seines Kollegen vorn im Führerstand.


Freundliche Begegnungen

Insbesondere die älteren Kolleginnen und Kollegen von DB AG und PKP begrüßen sich in Szczecin auf dem Bahnsteig mit Handschlag. „Man kennt sich ja nun auch schon jahrelang“, sagt Kollege Brosinski. Die jüngeren polnischen Kolleginnen und Kollegen – so hat er festgestellt – seien da viel zurückhaltender. „Vielleicht ist’s ja die Sprachbarriere“, sagt er.

Fremdsprachen als Wettbewerbsvorteil

Die meisten Eisenbahner im (deutsch-polnischen) grenzüberschreitenden Nahverkehr würden es begrüßen, wenn sie die Möglichkeit bekämen, wenigstens Grundkenntnisse der polnischen Sprache zu erlernen. Sowohl unterwegs in den Triebfahrzeugen, als auch in den polnischen Bahnhöfen wäre dies sehr hilfreich. Die Fremdsprachenkenntnisse des Personals wären zudem für den Fall künftiger Streckenvergaben ein deutlicher Wettbewerbsvorteil.

Spezielle Tickets

Das Angebot für Reisende ist sehr gut und wird auch entsprechend angenommen. So gelten von und bis nach Stettin die Sonderangebote für bis zu fünf Personen wie „Schönes Wochenend – Ticket“, das „Mecklenburg-Vorpommern – Ticket“ und das „Berlin-Brandenburg – Ticket“. Mit ihm erreicht man je nach Verbindung in zwei bis drei Stunden Berlin. Hier kann dann auch der Verbundverkehr mit dem gleichen Fahrschein genutzt werden.

Mit den Rädern nach Masuren

„In letzter Zeit fahren immer mehr Touristen nach Polen. Oft haben sie ihre Fahrräder dabei. Viele deutsche Urlauber zieht es nach Masuren“, berichtet Wolfgang Brosinski über seine Fahrgäste.
herc (TRANSNET)


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