Kuppeln, Bremsproben und Papierkrieg gehören dazu
Thomas Mack ist LCC bei SBB Cargo, Geschäftsbereich International, auf dem Rangierbahnhof (RB) Basel in Muttenz. Sein Berufsporträt zeigt: Wegen des Abbaus von Kupplern und Wagenkontrollbeamten haben die Rangierlokführer, wie die LCC früher genannt wurden, zusätzliche Aufgaben übernommen. Und die Dienstpläne sind heute knapper berechnet als früher. Folglich hat die Produktivität dieser Berufsleute in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Daher kämpft der SEV dafür, dass SBB Cargo den LCC die in den neuen Berufsbildern vorgesehene Mindesteinreihung in Funktionsstufe 11 konsequent gewährt.
RB Basel – Blick Richtung Ostteil, wo manchmal Loks zu Fuß geholt werden müssen. Links am Ende der Brückenauffahrt das Dienstgebäude „Cargolino“ der Lokführer Cargo (LCC), im Vordergrund das Abstellgleis für Re 620 von SBB Cargo.
Auf dem RB Basel gibt es zwei Sorten von Rangierlokführern: jene von SBB Infrastruktur und jene von SBB Cargo. Zu letzteren – es sind zurzeit 23 eingeteilte Mitarbeitende – gehört Thomas Mack. Er fährt Züge mit einer Last bis 2000 Tonnen mit maximal 100 km/h und hat die Zulassung für sämtliche Strecken- und Rangierloks, die bei SBB Cargo am Standort Basel im Einsatz stehen: Re 482, Re 620 (ehemals Re 6/6), Re 420 und Re 421 (Typen von Re 4/4), Ae 610 (Ae 6/6), Am 843 (neuste Rangier- und Streckenlok), Bm 4/4, Em 3/3, Tem 3.
Thomas’ Einsatzrayon reicht von Zwingen im Westen bis Laufenburg (AG) im Osten, erstreckt sich somit über eine Luftdistanz von rund 70 Kilometern. Im Norden fährt er über die Verbindungsbahn (dafür ist eine Zusatzausbildung nötig) via Badischen Bahnhof bis zum Rangierbahnhof Weil und in den Hüninger Rheinhafen. Weitere Ziele sind der Rheinhafen St. Johann (bis vor 3 Jahren von SNCF bedient), der Rheinhafen Birsfelden, der Güterbahnhof (GB) Wolf in Basel und das Ergolztal (z. B. Ikea in Lausen).
Generalstabsmäßige Dienstplanung
Thomas hat rund 15 verschiedene Diensttouren, die alle auf die Minute genau geplant sind. Drei Beispiele:
► Tour von 15.20 bis 00.12 Uhr: Dienstantritt im RB Basel, 16.00 Abfahrt zum Güterbahnhof Basel (GB), 16.32 Rückfahrt zum RB, 17.36 ab nach Möhlin, 18.32 Rückfahrt zum RB, 19.14 bis 20.22 Pause, 21.02 Abfahrt nach Hüningen, 21.37 Rückfahrt zum RB, 22.19 ab zum Birshafen, 22.49 Rückführt zum RB, 23.25 ab zum GB, 23.40 Rückfahrt zum RB, 00.12 Feierabend.► Tour von 02.43 bis 12.18 Uhr: 02.43 Dienstantritt im RB, Lok im Ostteil des RB holen, 03.23 ab zum Badischen Bahnhof, zurück in der Regel mit dem Taxi, 05.11 ab nach Möhlin, 05.46 Rückfahrt zum RB (Lokzug), 06.34 ab nach Laufenburg und Wagenzustellung (z.B. Ciba), 07.50 bis 08.30 Pause in Laufenburg, danach Einsammeln von Wagen bis Stein AG, Abfuhr in Möhlin anhängen und um 09.07 Rückfahrt zum RB, usw.
► Lange Tour von 08.00 bis 19.50 Uhr: Auf die Einsätze am Morgen folgt eine lange Pause von 12.20 bis 14.20, danach um 15.04 ab zum Badischen Bahnhof, 15.41 zurück zum RB und weiter nach Rheinfelden, dort einen Zug holen und 18.09 ab in den GB, 19.15 Rückfahrt zum RB, Lok wegstellen, 19.50 Feierabend.
LCC im Inforaum
Als LCC ist Thomas größtenteils als «Einzelkämpfer» unterwegs, hat nur selten einen Manöverbegleiter dabei (z.B. ab GB Basel nach Zwingen), arbeitet aber vor Ort eng mit den Cargo-Flächenteams zusammen (z.B. in Möhlin). Bei Dienstantritt zieht sich Thomas in der Garderobe der Lokführer im Dienstgebäude «Cargolino» beim Stellwerk West im Westteil des RB Basel um – bei der Arbeit trägt er Sicherheitsschuhe, Warnweste und Helm. Er informiert sich an den Computern des Inforaums über Zugstandorte und Diensteinteilung und nimmt ein LEA-Update vor – LEA heißt der kleine PC der Lokführer, auf dem sie allerlei berufliche Infos abrufen können. Am Schalter des Personal- und des Lokdisponenten (CCC Personal und CCC Lok) erkundigt sich Thomas über allfällige Änderungen seiner Diensttour durch Verspätungen oder unvorhergesehene Leistungen. Danach geht er zum Zug oder holt die Lok, die vorgespannt werden muss. Auf dem RB stehen die Loks eines bestimmten Typs je auf dem gleichen Abstellgleis. Manchmal muss eine «Maschine» auch im Ostteil des Bahnhofs geholt werden, was mindestens 10 Minuten Fußmarsch bedeutet, und zwar in zügigem Tempo, denn die Zeit ist stets knapp bemessen.
Mehr Zeitdruck und mehr Aufgaben
Auch beim Inbetriebsetzen der Lok zählt jede Minute, damit die Abfahrtszeit eingehalten werden kann, ebenso beim meist eigenhändigen Anhängen der Lok an den Zug und bei der Bremsprobe, bei der Thomas aussteigen und öfters bis zum hintersten Wagen gehen muss. Beim Wagenkontrollbeamten (WKB) sind zudem die zum Zug gehörigen Lastschriftzettel (ehemals Beilage 9) betreffend Gewicht und Ladung, Fracht- und Zollpapiere zu holen – früher wurden sie vom WKB zum Zug gebracht. Man sieht: Als Folge des Personalabbaus machen die LCC heute mehr selber. Sie übernehmen die Aufgaben der abgebauten Kuppler und WKB. Auch einen Depotwärter haben sie keinen mehr, seit sie per Ende 2004 vom Depot des GB Basel auf den RB Basel gezügelt sind. Die Produktivität der LCC ist damit erheblich gestiegen, zumal es in den Dienstplänen auch kaum mehr zeitlichen Spielraum gibt.
Die zusätzlichen Aufgaben stören Thomas aber nicht. «Ich bin ja da», sagt er, «früher haben wir einfach mehr gewartet.» Unangenehm aber sei der Zeitdruck, der wegen der knapp berechneten Tourenpläne entsteht, sobald ein Zug ein bisschen verspätet eintrifft oder sonst etwas nicht rund läuft. Dies hat dann zur Folge, dass einmal mehr der Dienstschluss nicht eingehalten werden kann.
Neuer GAV bringt Verschlechterungen
Was Thomas auch nicht begeistert, sind kurzfristig angekündigte Dienstverlängerungen, weil es nicht immer einfach ist, das Privatleben entsprechend umzudisponieren, wenn man eine Familie hat. Dass dies öfters mal vorkommen kann im Güterverkehr, versteht sich für ihn von selbst, doch sollte es nicht zur Normalität werden. Deshalb bereitet ihm und seinen Kollegen (und allen Lokführern Cargo!) die 4-Stunden-Regelung im neuen GAV SBB Cargo einigen Kummer. Thomas hofft sehr, dass die Einteilung trotzdem ihr Möglichstes tun wird, Tourenänderungen möglichst frühzeitig mitzuteilen – und zwar per Telefon oder Mail, statt einfach kommentarlos den Plan zu ändern. Abgesehen von den kurzfristigen Tourenänderungen lasse sich die Schichtarbeit mit der Familie vereinbaren. «An manchen Tagen sehe ich den Sohn zwar nur am Morgen oder am Abend, aber zwischendurch habe ich auch wieder einige ganze Tage frei.»
Die 41-Stunden-Woche im neuen GAV schmerze zwar auch, sagt Thomas, doch denkt er nicht, dass die zusätzliche Stunde im Alltag groß spürbar sein wird. Wegen dem LCC-Unterbestand im RB lag seine Wochenarbeitszeit schon bisher meistens über 40 Stunden, ja betrug oft gegen 50 Stunden. Dies ermöglichte ihm im Gegenzug gelegentlich einen zusätzlichen Freitag zum Ausgleich der Überzeit, die nun aber geringer sein wird.
Weh tut den LCC im RB Basel auch die Herabsetzung der Ortszulage von der heutigen obersten Stufe auf Stufe 2. Immerhin bleibt die Zulage jedoch für die bisherigen Mitarbeitenden noch bis 2010 unverändert. Arbeit top, Umfeld manchmal flop Ist Thomas sonst mit dem LCC-Beruf zufrieden? «Ja, die Arbeit an sich gefällt mir gut, aber das Umfeld manchmal weniger», lautet die Antwort. Gestört haben ihn in letzter Zeit etwa die ständigen Wechsel beim Kader. «Und ich bin halt auch einer, der es sagt, wenn ihm etwas nicht passt.» Beispielsweise findet er es nicht gut, in der Freizeit und auf eigene Kosten Französisch lernen zu müssen ohne Aussicht auf eine bessere Einreihung durch diese Zusatzausbildung. «Man sagte mir deswegen, ich hätte zuwenig Feuer im Ranzen.» Und in der Personalbeurteilung hatte er ein D.
Besonders störend findet Thomas, dass es LCC gibt, die besser eingereiht sind als andere, obwohl sie die gleiche Arbeit tun und gleich qualifiziert sind. Er selbst ist zurzeit noch in der Funktionsstufe 10 eingereiht, hat aber gemäß den neuen Cargo-Berufsbildern Anrecht auf FS 11. «Es geht mir weniger ums Geld als ums Prinzip: Ich finde einfach, für die gleiche Arbeit sollte es den gleichen Lohn geben!»
Text und Fotos: Markus Fischer
Zur Person
Thomas Mack im Führerstand.
Lokführer und Betriebswehrmitarbeiter Thomas Mack, geboren 1962 als Sohn eines Postbeamten, wuchs in Aarau auf. 1978 bis 1979 machte er in Aarau die anderthalbjährige SBB-Betriebslehre und trat sogleich auch dem SEV bei. Es folgten Ablösungen auf verschiedenen Bahnhöfen, u.a. Wohlen, Beinwil am See, Sursee, Birrfeld und Tecknau (Stationsdienst mit Manöver) und Olten (Rangiergruppe Personenbahnhof). 1995 wechselte er nach Basel und machte dort 1995/1996 die Ausbildung zum Rangierlokführer mit erweitertem Einsatz, was heute Lokführer Cargo Nahzustellung (LCN) oder Lokführer Cargo Kategorie C (LCC) heißt. Seit 2006 arbeitet Thomas daneben zu 50 Prozent bei der Betriebswehr Olten , im Interval von drei Monaten, (Total 100-Prozent). Thomas wohnt mit seiner Frau und seinem elfjährigen Sohn in Winznau (SO). Von dort kann er innerhalb weniger Minuten in die Betriebswehr einrücken, wenn er beispielsweise am Wochenende Pikett hat. Hobbys: Haus und Garten, Skifahren, Pontonier & Feuerwehr.
Fi; Foto: zvg
