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Ohne Visiteure keine Züge

Der Zustand der Züge wird regelmässig von Eisenbahnern kontrolliert, die in der Schweiz "Visiteure" und in Deutschland "Wagenmeister" heissen. Obwohl für die Sicherheit der Züge und Bahnreisenden unverzichtbar, ist dieser Bahnberuf nur wenig be- und anerkannt.

Beim SEV gibt es nur wenige, die Beat Jurt (noch) nicht kennen, gehört er doch zu den aktivsten Mitgliedern. Beispielsweise die drei Fahnen von SEV, Unia und Gewerkschaft Kommunikation, die im Hauptbahnhof Bern vom Visiteur-Lokal aus (gleich neben der "Welle") die von oder gegen Westen vorbeifahrenden Züge grüssen, gehen auf sein Konto. Gewerkschaftliches und berufliches Engagement sind bei ihm untrennbar verbunden.

Beat Jurt, Visiteur bei der SBB.

Foto: Thierry Porchet


An einem schönen Januar-Nachmittag sind wir bei Beat zu Besuch, um einen Eindruck von der Visiteurarbeit zu bekommen. Beat sitzt gerade an seinem Computer und teilt seinem Linienvorgesetzten in Basel mit, welche Mängel er auf den von ihm kontrollierten Zügen soeben festgestellt hat. "Für notfallmässige Einsätze oder wenn Wagen ausgereiht werden müssen, werden wir über eine Hotline alarmiert." Beat Jurt ist einer der 106 Visiteure der SBB-Division Personenverkehr, die auf einem halben Dutzend Bahnhöfen verteilt über die ganze Schweiz stationiert sind. Die Division Cargo hat ihre eigenen Visiteure für die Kontrolle von Güterwagen und spezifische Aufgaben im Zusammenhang mit dem Ladegut. Beat kümmert sich um Personenzüge.

Wie ein Hockey-Schiedsrichter

Beat verlässt sein Büro und geht in den Materialraum, wo die Ersatzteile für die Wagen gelagert werden. "Manchmal machen wir Reparaturen oder ersetzen Teile auf fahrenden Zügen, damit sie nicht still stehen. Wir haben dafür spezielle Diensttouren. In Bern sind wir sieben Visiteure. Rund um die Uhr ist hier einer von uns auf dem Posten. Wir supervisieren die Züge nach einem vorgegebenen Programm."

Der aus Biel kommende Zug fährt um 15.18 Uhr auf Gleis 9 ein. Gemäss Programm hat Beat eine knappe Viertelstunde Zeit, um den Zug zu kontrollieren. Er zieht seine Warnweste an, überquert die Geleise mit seiner Taschenlampe in der Hand, grüsst den Lokführer und avisiert per Funk die Perronaufsicht, dass die Kontrolle beginnt. Mit raschem und professionellem Blick prüft er den Zustand der Puffer, die Abnutzung der Räder, Drehgestelle und Bremssohlen. Auch das einwandfreie Funktionieren der Türen wird gecheckt. "Wenn eine Tür nicht mehr richtig schliesst, lasse ich den Wagen sofort ersetzen. Wir spielen hier nicht mit der Sicherheit und müssen rasche Entscheide fällen, wie ein Hockey-Schiedsrichter, damit die Züge auf die Minute genau abfahren können."

Die Sicherheit geht vor

Im Wageninnern kontrolliert Beat, ob Heizung, Beleuchtung, Lautsprecher und Toiletten einwandfrei sind. Vandalen-Schäden haben zugenommen. Die Zugkontrolle im Bahnhof erfolgt beidseitig: Wenn der Visiteur auf der Perronseite ist, hauen ihn Reisende um allerlei Auskünfte an. Auf der abgewandten Seite muss er extrem vorsichtig sein, wenn ein Zug vorbeifährt. "Wenn ich einen Zug kommen höre, gehe ich auf die Seite und gebe dem Lokführer ein kleines Handzeichen, damit er sich nicht zu sorgen braucht, ob ich ihn wirklich gesehen habe." Der Zug fährt mit hoher Geschwindigkeit nur wenige Zentimeter vor dem Visiteur vorbei, der Luftzug geht durch Mark und Bein.

Allrounder

Die Kontrolle ist zu Ende, Beat teilt dies der Perron-Aufsicht mit – und geht zum nächsten Zug. "Was mir an diesem Beruf gefällt, ist die Abwechslung. Je nach Wagengeneration haben wir es mehr mit mechanischen, elektrischen oder elektronischen Vorrichtungen zu tun. In unserem Beruf ist es gut, wenn man von Haus aus Elektriker oder Mechaniker ist wie ich. Darauf baut dann die spezifische Ausbildung der SBB auf. Wir arbeiten manchmal draussen, manchmal drinnen. Kein Tag gleicht dem andern. Aber immer geht es um die Sicherheit und den Komfort der Passagiere."

Beides ist für die SBB zentral. Dennoch tendieren manche SBB-Verantwortlichen dazu, die Visiteure gering zu schätzen. Diese sind bei ihrer verantwortungsvollen Arbeit zumeist auf sich allein gestellt. Sie gehen sehr häufig nachts und bei jedem Wetter die Züge anschauen. Permanente Personalunterbestände führen allzu oft zu unmöglichen Dienstplänen. "Häufig arbeiten wir an drei von fünf Sonntagen, und manchmal gehen wir nach mehreren Nachtdiensten schon 48 Stunden später wieder auf die Morgentour", sagt ein Kollege von Beat. "Der Übergang ist brutal, das macht dich kaputt." Schön wäre es, wenn sich all dies wenigstens gebührend im Lohn niederschlagen würde …

Text: Alberto Cherubini; Übersetzung f/d: Fi;



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