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Gleiche Probleme diesseits und jenseits der Grenzen

Fünf Kollegen der österreichischen und deutschen Bahngewerkschaften GdEÖ und TRANSNET folgten der Einladung des SEV-Unterverbandes des Rollmaterialpersonals (SEV-RM) zur bereits traditionellen Internationalen Fachtagung des Rollmaterialpersonals, die diesmal in der Schweiz stattfand. Hierbei wurden diverse Themen wie Sozialversicherungen und die beruflichen (jetzigen und zukünftigen) Strukturen durchleuchtet und analysiert. Dabei stellten die Gewerkschafter aus drei Ländern fest, dass sie alle mit den gleichen Problemen konfrontiert sind. Das Grundproblem: „Das liebe Geld regiert“.

Zur internationalen Fachtagung begrüßte RM-Zentralpräsident Werner Schwarzer im Zentralsekretariat RM am Reparaturkompetenzcenter Altstetten die Betriebsratsvorsitzenden und Gewerkschaftskollegen Alois Fritzenwallner, Franz Gsellmann und Heinrich Knapp von der GdEÖ sowie von TRANSNET Hans-Peter Schmitz (Betriebsrat Raillion) und Klaus Knoblauch. Schwarzer eröffnete die Tagung mit einem Ausblick auf das reichhaltige Programm mit Workshops zum Krankenversicherungsgesetz (KVG), zur SBB-Pensionskasse, zum neuen Reparaturkonzept und zum Reintegrationsprojekt ZOOM, einer Besichtigung des Industriewerkes Olten sowie grundsätzlichem Austausch.

Krankenversicherungsgesetz

Bekanntlich bestehen bei der Finanzierung unserer Krankenkassen und Sozialeinrichtungen die größten Probleme und Nöte. Denn wir laufen Gefahr, dass die stetig explodierenden Gesundheitskosten zu einer Prämienbelastung führen, die für jeden Einzelnen bald zur unbezahlbaren Bürde wird. Darum wurde an dieser Fachtagung auch dieses Problemfeld ausgeleuchtet. Referent Theo Gasser, Leiter Marketing atupri Versicherungen, referierte über die Problematik des schweizerischen Gesundheitswesens und das Krankenversicherungsgesetz (KVG). Da in der Schweiz ein gesetzliches Krankenkassenobligatorium gilt, sind 7,4 Millionen Versicherte bei den diversen Kassen versichert. Alle diese Versicherten verursachen die gesamte Kostensumme im Gesundheitswesen von zirka 50 Milliarden Franken, was 11,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) der Schweiz entspricht. Zum Vergleich: In Deutschland machen die Gesundheitskosten 11,1 Prozent des BIP aus und in Österreich 7,6 Prozent. Dass diese Kostenspirale nicht immer weiter nach oben drehen darf, ist allen Beteiligten klar, aber wie soll diese „Baustelle KVG“ vernünftig und sozialverträglich angegangen werden?

Jeder möchte, dass gespart wird, aber trotzdem will keiner auf Leistungen verzichten. Lösungsvorschläge sind etwa die Schaffung einer Einheitskasse, Leistungsfinanzierung der Spitäler, Aufhebung des Zwangs zu Verträgen mit allen Ärzten und Spitälern für die Krankenkassen oder Festlegung der Prämien nach Einkommen mit einem Risikoausgleich zwischen Jung und Alt. Auf die Lösungen können wir gespannt sein. Im Weiteren präsentierte Theo Gasser die Leistungen und das Markencredo von atupri Versicherungen: «Qualität à tout prix».

Das schweizerische Drei-Säulen-Vorsorgesystem

Um Lösungen gerungen wird auch bei der Pensionskasse SBB, wo sich bekanntlich enorme Fehlbeträge angehäuft haben. Ihr Leiter Versicherung Richard Steiner brachte den ausländischen Gästen das schweizerische Drei-Säulen-Vorsorgesystem näher, im Speziellen natürlich die zweite Säule, die berufliche Vorsorge. Der Fehlbetrag ergab sich laut Steiner vor allem aus der schlechten Ertragslage an den Finanzmärkten und dem Börsenabsturz von 2002/03. Hinzu kommt, dass die Pensionskasse kurz zuvor vom Bund ohne Risikokapitalrückstellungen in die Selbstständigkeit entlassen worden war. Weitere Probleme entstehen durch den SBB-Personalabbau, der seit 1996 stetig weiterverfolgt wird und das Verhältnis von Rentnern (65 Prozent) und Aktiven (35 Prozent) negativ verschob.

Zur Pensionskassensanierung liegen diverse Lösungsvorschläge auf dem Tisch. Selbstverständlich steht auch der Bund als ehemaliger Arbeitgeber in der Pflicht, eine für die SBB-Mitarbeitenden annehmbare und sozialverträgliche Lösung zu finden. Das heutige Leistungsprimat, das eine Rentenleistung von 60 Prozent des versicherten (letzten) Lohnes garantiert, und zwar nach 40 Versicherungsjahren und dem vollendeten 62. Altersjahr, soll voraussichtlich Anfang 2007 durch das Beitragsprimat abgelöst werden, bei dem keine bestimmte Rente garantiert ist, sondern von den einbezahlten Beiträgen des Versicherten und dem darauf erwirtschafteten Zins abhängt (mehr Risiko für die Versicherten).

Die noch aktiven Mitarbeitenden müssen wegen der nötigen Sanierungsmaßnahmen mit zum Teil erheblich höheren Prämien bei eher schlechteren Leistungen rechnen. Insbesondere Kleinverdiener werden sich eine Frühpensionierung wegen der damit verbundenen finanziellen Verluste kaum leisten können. Eines ist jedenfalls sicher: Bezüglich Frühpensionierungen sind Deutschland und Österreich (noch) flexibler als die Schweiz.

Triage der Reparaturen

Im zweiten Teil der Fachtagung wurden die technischen Themen des Rollmaterialunterhaltes in den Industriewerken sowie der Serviceleistungen der Servicestandorte angegangen. Der SBB-Geschäftsbereich P-OP-Maintenance mit seinen 1900 Mitarbeitern unterhält und reinigt täglich 600 Fahrzeuge, repariert jeden Tag 40 Fahrzeuge und schließt täglich 550 offene Reparaturen ab.

Zudem werden täglich an 120 Fahrzeugen Revisionen oder Refitprogramme durchgeführt. Um alle diese Leistungen weiter zu verbessern, wurde zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember 2005 das neue Reparaturkonzept (RK) eingeführt. Der Leiter des Reparaturkompetenzcenters (RKC) Altstetten, Christian Kasper, stellte das neue Konzept vor. Mit dessen Einführung werden folgende Ziele angestrebt: Die Durchlaufzeiten der Fahrzeuge sollen um 20 Prozent gesenkt werden. Damit soll auch die Aussetzung von Fahrzeugen durch Reparaturen um 20 Prozent sinken, was die Gesamtkosten reduziert und die Verfügbarkeit der Flotte erhöht.

Nun werden sämtliche Reparaturmeldungen im RKC gesammelt und auf Grund eines Reparaturkataloges mit bestimmten Kriterien und unter Berücksichtigung von Verfügbarkeit, Überführungskosten, Infrastruktur, Materialverfügbarkeit, Reparaturprozess, Komplexität der Reparatur, Art der Reparatur und Know-how des Personals der jeweils vorgesehenen Anlage zugewiesen.

Die Kriterien des Triageprozesses lauten wie folgt: Kann die Reparatur im natürlichem Stilllager erfolgen, oder muss das Fahrzeug ausgereiht werden (max. 1 Tag), oder muss das Fahrzeug außer Betrieb gesetzt werden (min. 1 Tag)? Treffen die ersten beiden Kriterien zu, so werden diese Fahrzeuge an die Servicestandorte zugewiesen und die Reparaturen bis max. 1 Tag ausgeführt. Für Reparaturen, die länger als einen Tag dauern, wird das Fahrzeug außer Betrieb gesetzt und kommt nach Zürich Altstetten ins RKC. Sollten dabei in Altstetten Engpässe entstehen, wird der Überlauf im Industriewerk (IW) Olten oder im IW Yverdon aufgefangen. Im Weiteren wird der Einsatz mobiler Equipen während dem Nachtstilllager an Endbahnhöfen des Regionalverkehrsverbunds auf die Wirtschaftlichkeit überprüft.

Projekt ZOOM

Das Projekt ZOOM ist ein Integrationsprojekt für langzeitkranke Mitarbeiter des Geschäftsbereiches P-OP und darf auf keinen Fall mit NOA verwechselt werden. Am RKC Altstetten existiert seit dem Start im September 2004 ein Integrationsteam für 8 Mitarbeiter, die mit einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit zu kämpfen haben. Seit diesem Zeitraum hat sich die Zahl verdoppelt, und es ist bereits ein zweites Team gebildet worden. Die vielseitigen Aufgabenbereiche dieser Integrationsteams erstrecken sich über allgemeine Reinigungsarbeiten, Gebäudeunterhalt wie Maler- und kleinere Schreinerarbeiten, Nachrüsten von Cleanwagen bis hin zum Wasserschächte-Auspumpen. An den diversen Einsatzorten werden die Dienstleistungen der Integrationsteams sehr geschätzt, aus diesem Grunde ist auch die Akzeptanz dieser Teams und ihrer Mitarbeiter sehr groß. Die Grundsätze, die erfüllt sein müssen, damit ein langzeitkranker Mitarbeiter in ein Integrationsteam versetzt wird, sind wie folgt definiert: Der Mitarbeiter ist voraussichtlich untauglich für seine angestammte Tätigkeit, die zweijährige Lohnanspruchsfrist ist eröffnet und er arbeitet beim Geschäftsbereich Operating.

Gestartet wurde mit dem Reintegrationsteam im September 2004. Seither konnten auch schon Lösungen für Mitarbeiter gefunden werden: Einer fand SBB-intern eine neue Stelle, ein anderer extern.

Die selben Probleme …

Im Anschluss an die informative Besichtigung des Industriewerks Olten, informierten die ausländischen Gäste über die anstehenden Veränderungen in ihren Bereichen bei der ÖBB und der DB AG.

Grundsätzlich sind im heutigen liberalisierten Markt bei den Eisenbahnen in Europa überall die selben Probleme vorhanden. Die Bahnunternehmen werden mutwillig in einzelne Gesellschaften zerschlagen und zueinander in Konkurrenz gesetzt. Eine weitere Variante ist die hausinterne Konkurrenz durch Tochtergesellschaften. Auch der Unterhalt am Rollmaterial ist einem wachsenden Kostendruck ausgesetzt, denn Privatanbieter aus den östlichen Ländern ringen sich um Umbauarbeiten und Revisionen.

Aus diesem Grunde ist der Druck auch bei den Schweizer Nachbarbahnen sehr groß. Die Preise der Fertigungsstunden müssen gesenkt und so die Produktivität gesteigert werden. Unter dem Slogan «schlanke Strukturen» werden laufend neue Organisationseinheiten eingeführt, ohne dass eine Struktur überhaupt je Zeit hat, sich zu etablieren. Projekte jagen Projekte, Arbeitsplätze werden vernichtet, Standorte geschlossen – und kurze Zeit später bereut man diese Schnellschüsse, doch kann das Management keine Blöße zeigen, getreu dem Motto «Wir reiten das Pferd, bis es umfällt».

Genau aus diesen Gründen stellten die Tagungsteilnehmenden einmal mehr fest, dass solche internationale Fachtagungen von großer Bedeutung sind. Denn es dürfe nicht so weit kommen, dass Kollegen verschiedener Länder sich plötzlich gegenseitig bekämpfen. Die Zeichen der heutigen Zeit haben die Gewerkschaften rechtzeitig erkannt und zeigen, dass Gewerkschaftsarbeit keine Landesgrenzen kennt.
R. D.(SEV)

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