Protest gegen zunehmende Gewalt in Zügen
Mit einer Armbinde „Stop Agression“ protestierte die Mehrzahl der Westschweizer Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter während ihrer Arbeit gegen die zunehmenden gewaltsamen Übergriffe auf das Bahnpersonal. Insbesondere im Bereich des Genfer Sees häufen sich in jüngster Zeit die Attacken gegen das Zugpersonal. Der SEV fordert von der SBB Sofortmaßnahmen zu Prävention und Abwehr gegen solche Attacken.
Besorgt zeigt man sich beim SEV (hier die SEV-Zetrale in Bern) über die Zunahme von Gewalt gegen die Bahnbeschäftigten. Foto: Frank Hercher
In den Durchsagen im Zug wurde auf den Protest hingewiesen und um Verständnis und Unterstützung geworben. Bis November 2008 gab es 903 verbale Aggressionen und 190 Tätlichkeiten gegen Bahnbeschäftigte der SBB. Im Genferseegebiet wurde in diesem Zusammenhang eine erschreckende Zunahme festgestellt: 2007 gab es dort rund 30 Angriffe auf Zugbegleiter, bis November 2008 betreits schon 100.
SEV-Interimspräsident Giorgio Tuti sagte „Die Kolleginnen und Kollegen können es nicht akzeptieren, dass sie sich an ihrem Arbeitsplatz an Schläge, Tritte und Spucke gewöhnen sollen!“
Ein ganz normaler Monat am Genfer See
Hier vier Auszüge aus den Gewaltberichten:
► Am 4. November gehen in Gland drei Reisende ohne Fahrausweis auf einen Zugchef los, weil dieser sie nicht weiter mitfahren lassen will, da sie kein Billett bezahlen wollen. Er kann sie zurückdrängen und kommt mit einer zerrissenen Jacke davon. Die Angreifer drohen, mit ihm und seiner Familie später mal abzurechnen.
► Am 14. November bedrohen zwei Reisende ohne Fahrausweis zwischen Montreux und Lausanne einen Zugbegleiter und nehmen ihm sein Portemonnaie mit rund 500 Franken weg.
► Am 20. November ist zwischen Montreux und Lausanne ein Kunde mit einem 2. Klass-Billett in der 1. Klasse unterwegs. Als ihn die Zugchefin höflich bittet, in die 2. Klasse zu wechseln, bricht er ihr einen Finger. Sie muss sich operieren und für sechs Wochen krank schreiben lassen.
► Am 30. November schlagen in Montreux fünf Jugendliche ohne Fahrausweis einen Zugchef zusammen, nachdem er sie aufgefordert hat, ein Formular auszufüllen, und mit ihnen ausgestiegen ist. Ein Kunde, der dem Zugchef helfen will, erhält einen Schlag ins Gesicht. Der Zugchef muss ins Spital eingeliefert werden. Zwei Rippen sind gebrochen. Inzwischen ist er wieder zu Hause, kann aber bis auf Weiteres nicht arbeiten.
Eine Entwicklung zur „Gewaltregion“, die wohl auch der Genfersee Tourismus nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Denn hat man erst einmal ein solches „Prädikat“ wird es im umkämpften Reisemarkt nicht leicht sein, dieses wieder abzulegen.
Nicht nur in der Schweiz
Die Gewaltbereitschaft von Fahrgästen gegenüber Bahnbeschäftigten ist jedoch nicht nur in der Schweiz ein immer drängender werdendes Problem. Auch die übrigen Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaften in Europa registrieren einen beängstigenden Anstieg von tätlichen Übergriffen in Bussen und Bahnen sowie auf Bahnhöfen gegen die Beschäftigten. Die an atenta beteiligten Organisationen in Luxemburg, Österreich und Deutschland haben ebenso wie die ETF und die ITF bereits seit einigen Jahren massiv auf diese Entwicklung hingewiesen.
Frank Hercher (TRANSNET)
